Europakonferenz Madrid

The Art of Creation

Creating the space and honoring the response

„Die Kunst der Schöpfung“ - unter dieser Überschrift stand die zweite europäische Godly Play Konferenz in Madrid. Einen Raum schaffen, in dem Antworten und Kreativität der Kinder ernst genommen und wertgeschätzt werden - so der Untertitel.
Die erste europäische Godly Play-Konferenz (EGPC) hatte 2006 in Evesham (UK) stattgefunden. Diesmal kamen 37 TeilnehmerInnen aus 7 Ländern angereist. Neben Finnland (4), Norwegen (2), Spanien (10), England (5) und Deutschland (8) waren die USA (7) und Kanada (1) vertreten.

Die Vorbereitungsgruppe hatte ganze Arbeit geleistet, und zwar in dreifacher Weise: der Raum - das ganze Tagungshaus – war nach Godly Play-Prinzipien ausgestaltet. Die Struktur der Konferenz wie auch die einzelnen Tage spiegelten das spiralförmige Zeit-Verständnis von Godly Play. Die Arbeitsformen nahmen das Konferenzthema in vielfältigster Weise auf. Zum Beispiel waren die Län-dergruppen schon im ersten Kennenlernen eingeladen, in kreativen Körperstandbildern zum Ausdruck zu bringen, wie sich Godly Play bei ihnen derzeit gestaltet. 

Dies war der Auftakt, um sich dann gemeinsam auf den viertägigen Weg zu machen mit der Frage, wie sich schöpferische Weltwahrnehmung und religiöse Bildung im Erleben von Kindern wechselseitig befruchten können.

Prof. Dr. Christina Kalloch von der Leibniz Universität Hannover führte in drei Vorträgen in das theoretische Verhältnis von Ästhetik und Theologie aus religionspädagogischer Sicht ein. Symbole, Ikonen, Bilder und Metaphern, so sagte sie, seien schon immer wichtig gewesen, um eine Gottesbeziehung ausdrücken und die Bibel verstehen zu können. Daraus entstünde nicht nur die Frage an den Umgang mit Werken der Kunst im engeren Sinn, sondern an das Verständnis von Ästhetik im weitesten Sinn. Durch das Vermögen, ästhetische Prozesse und Kunst(werke) angemessen wahrnehmen zu können, sei also die Vorstellung von Welt und Gott überhaupt möglich. So werde Ästhetik zum Kontaktvorgang, sie suche nach „Wahrheit“, nach dem „Dahinterliegenden“, das kognitive Erklärungen übersteige, in der Vielgestaltigkeit und Fragmenthaftigkeit des Alltags. Ästhetik sei somit eine ganz spezielle Form des Lernens. Kunst werde zum Dialog mit der Welt und fordere Antworten heraus. Sie könne Kindern helfen, sich über sich selbst bewusst zu werden, zu reagieren und zu antworten, aus der Hektik des Alltags herauszutreten und in kreativen Kontakt mit der Welt und mit Gott zu kommen.

Diesen kreativen Kontakt haben auch wir als TeilnehmerInnen selbst erproben und praktisch vertiefen können, unter anderem mit einem Besuch im Prado, dem Madrider Museum für bildende Kunst. An Bildern von Diego Velázquez (1599-1660), aber auch bei Francisco de Goya (1746-1828) wurde im Kontext der spanischen Hofmalerei deutlich, wie sehr Kinder von ihren sozialen Verhältnissen bestimmt, aber auch von der Kunst mit neuen Perspektiven in die Bildmitte gestellt werden können, so z. B. in Goyas Bild „Die Heilige Familie“. Bei Bartolomé Esteban Murillo (1618-1682) ließ sich entdecken, wie die Situation von Straßenkindern in der Gestalt Jesu und Johannes des Täufers ins Zentrum des christlichen Glaubens gerückt werden kann. Diese Bildwahrnehmungen waren spannende Prozesse, die uns selbst haben kreativ werden lassen.

In einer ersten Workshop- Phase konnten die TeilnehmerInnen in sechs Gruppen ganz unterschiedliche Formen ausprobieren und praktizieren: künstlerisches Gestalten - Gebetsperlen entwickeln - imaginative Lectio Divina – Körpererfahrungen – Stille – Gestalten mit Schachteln und Ton. Dabei konnte am eigenen Handeln erfahren werden, was auch für Kinder nötig und hilfreich sein könnte, um schöpferische Kraft fließen zu lassen.

In einer zweiten Workshop-Phase wurden Zielgruppen in den Fokus gerückt, die sonst eher am Rande stehen: 1. Im Selbstversuch konnten TeilnehmerInnen erkunden, welche Materialien geeignet und welche Settings in der Kreativphase für Menschen mit unterschiedlichen Behinderungen erforderlich sind und dies im Erfahrungsaustausch reflektieren. 2. Ein anschaulicher Bericht aus UK gab einen Einblick in die Kreativität der Antworten von Menschen mit Demenz. Alison Seaman berichtete von einer Besucherin einer Tagesklinik, die auf die Frage, an welcher Stelle sie in der Geschichte vorkomme, antwortete: „Wieso soll ich in der Geschichte sein? Ich bin einfach nur ich selbst!“

Dass Kunst überfließt und neue kreative Prozesse in Gang setzt, ließ sich nicht nur in Vorträgen und Workshops erfassen, sondern nach einem Flamenco-Abend mit Jesús Fernandez an der Körperdynamik der beschwingten Gruppe auf der Plaza España ablesen. Wer es bis hierhin noch nicht verinnerlicht hatte, der wusste spätestens jetzt: Ästhetik ist eine umfassende, alle Sinne einschließende Form von Weltwahrnehmung.

Die Frage der Anpassung von Geschichten und Materialien an die kulturellen und konfessionellen Gegebenheiten vor Ort durchzog die Tagung. Eine Geschichte aus dem neuen, ihrer theologischen Tradition entsprechenden Erzählband der „Gesellschaft der Freunde“ (Quäker) wurde präsentiert. Dabei bekam ein bislang wenig Beachtung findendes Geschichten-Genre, die Stille, reichen Raum. Dies erstreckte sich auch in die Morgenandachten hinein und regte an, Stille als eine notwenige Voraussetzung für kreatives Handeln zu verstehen, so wie es dann auch in den Theorieeinheiten bearbeitet wurde.

Von der deutschen Delegation wurde an einer sich in der Entwicklung befindenden Neubearbeitung der Paradies- und Schöpfungsgeschichte (Gen 2-3) exemplarisch aufgezeigt, mit welchen Methoden und Entwicklungsschritten hier an den Geschichten von Band 6 der Godly Play-Buchreihe von Jerome Berryman weitergearbeitet wird. Dies wurde sowohl von der amerikanischen Delegation, als auch von denjenigen Ländern, die selbst Übersetzungs- und Adaptionsprozesse auf den Weg bringen (wie Norwegen), mit großem Interesse zur Kenntnis genommen.
Auch auf der Ebene der Produktion und Weiterentwicklung von Godly Play-Materialien gab es einen regen internationalen Austausch, nicht zuletzt dadurch, dass unterschiedliche Materialien von KonferenzteilnehmerInnen begutachtet wurden und die Hersteller aus den unterschiedlichen Ländern ihre gegenseitige Beratung und Kooperation an einem runden Tisch vertieften.

In einer eintägigen Vor-Konferenz standen die internationale Kommunikation, Vernetzung, Vertrauens- und Strukturbildung im Mittelpunkt. Nachdem der „Erfinder“ von Godly Play, Jerome Berryman, in den Ruhestand getreten ist, wurde das von ihm gegründete Center for the Theology of Childhood in eine neue Organisation, die Godly Play Foundation, integriert. Dies erforderte zunächst Umstrukturierungen innerhalb des US-Netzwerkes von Forschung, Materialentwicklung, Buchproduktion und Fortbildung. Die europäische Godly Play-Konferenz bot nun willkommene Gelegenheit, dass sich die US-Delegation mit Vertretern der europäischen Länder über die Chancen zur Zusammenarbeit beraten konnten. Ein neu zusammengesetztes „International Advisory Board“ wird diesen Austausch institutionalisieren. Die Ergebnisse dieser Vorkonferenz konnten gleich in die Gesamttagung überführt werden, sodass am Ende konkrete Vereinbarungen getroffen werden konnten, die die gemeinsame Weiterentwicklung von Godly Play auf internationaler Ebene sichern und voranbringen sollen, wie z. B. den Ausbau der Kontaktmöglichkeiten über verlinkte Websites, virtuelle internationale Internetforen für verschiedene Themen- oder Praxisfelder, die Einrichtung eines europäischen Kollegiums von Fortbildnern und eines (transatlantischen) Kommunikationsforums mit der Godly Play Foundation.

Es bleibt noch zu sagen, dass es wunderbar war zu erleben, wie selbstverständlich alle Teilnehmenden die Konferenz mit ihren ganz persönlichen Erfahrungen und Ideen bereichert haben. Vorträge, Workshops, Andachten, Übersetzungen, Organisatorisches und vieles mehr – jede und jeder brachte etwas ein und so war diese Konferenz ein lebendiges und gelungenes Miteinander, in dem Fragen und Antworten möglich waren, bestehendes diskutiert und neue Ideen ausgetauscht wurden und Kontakte über die Landesgrenzen hinaus geknüpft und gefestigt wurden.

Die LeserInnen dieses Berichtes können sich auf die dritte europäische Godly Play-Konferenz 2010 freuen, zu der die finnischen VertreterInnen nach Helsinki eingeladen haben. Das wird auch für die deutschen Erzählerinnen, Fortbildnerinnen und weitere Fachleute wieder eine wunderbare Gelegenheit sein, den eigenen fachlichen Horizont zu erweitern, die eigenen geistlichen Wurzeln zu nähren – und mit jeder Menge Spiel und Lachen neue FreundInnen und KollegInnen zu finden. Godly Play taugt nicht zu nationaler oder konfessioneller Eigentümelei – es ist ein ökumenisches Konzept im besten Sinn des Wortes. Dies konnte man in Madrid wunderbar erleben.

Ulrike Labuhn, Wolfhard Schweiker, Martin Steinhäuser

Bericht mit Bildern als PDF 

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