Have a good one!“

Bericht von der 8. Nordamerikanischen Godly Play-Konferenz (20.-23.6.2019)
Martin Steinhäuser

2019 07 nordamerikanische GP Konferenz 1St.John’s ist eine kleine Stadt am äußersten Ende Nordamerikas, in der östlichsten Provinz Kanadas. Mit viel Farbe an ihren Holzhäusern
trotzen die 50.000 Einwohner den langen Wintern, dem Nebel, der Kälte (selbst Mitte Juni Temperatur 5-15°C) und dem Regen. Neufundland mag am Rand der Zivilisation liegen 2019 07 nordamerikanische GP Konferenz 2– doch hierher kamen die ersten Siedler aus Europa, hier mussten die transatlantischen Flüge anfangs zwischenlanden, hier wurde 1901 das erste kabellose Radiosignal aus Europa aufgefangen und – ja, bis hierher kam auch der I. & II.
Weltkrieg in Gestalt deutscher U-Boote, um den amerikanischen und kanadischen Truppen den Nachschub abzuschneiden, woran entlang der Küste vielfach erinnert wird. Doch heute regiert hier touristische Weltoffenheit, um mit der berührend schönen Landschaft, den Klippen und Eisbergen, mit Walfischen und viel exil-irischer Folklore zu punkten.

 

2019 07 nordamerikanische GP Konferenz 3In Nordamerika findet alle zwei Jahre eine internationale Godly Play-Konferenz statt, abwechselnd in den USA und in Canada. 160 Teilnehmer folgten diesmal der Einladung nach St.John’s. Die Kanadier waren wunderbare Gastgeber – obwohl es unseres Erachtens nach zu viele Teilnehmer in einem zu vollen
Programm in zu kurzer Tagungszeit waren. Der Ablauf folgte mehr einer „inspirierenden
Event-Idee“ als einer „didaktisch durchdachten Fortbildungsstruktur“ . Die deutschen Godly PlayAktivist*innen sind bei den amerikanischen2019 07 nordamerikanische GP Konferenz 4
Konferenzen meist nur vertreten, wenn sie zu speziellen Themen eingeladen werden, wie 2008 in Berkeley und 2013 in Toronto. In diesem Jahr hatten Dr. Wolfhard Schweiker und Prof. Dr. Martin Steinhäuser die Gelegenheit, die deutsche Fassung der Luther-Darbietung im Godly Play-Stil sowie die Weiterentwicklung „Gott im Spiel“ vorzustellen. Besonders bei letzterem Thema stellte allein schon die Einladung zur Präsentation eine Anerkennung der in Deutschland geleisteten Adaptions Arbeit dar – wir trafen auf weniger Widerstand als befürchtet. Die Zeit war viel zu kurz, um ins Detail zu gehen, aber wir konnten doch etwas von der Sorgfalt und Fachkundigkeit im „Gott im Spiel“- Ansatz sichtbar machen, und das löste Respekt und Neugier aus. Mal sehen, ob daraus weiteres folgt!

Die Konferenz beinhaltete ca. 20 Workshops, 3 Referate, Gottesdienste und diverse kulturelle Events.
Nur in drei Ausschnitten will ich berichten:

Hauptreferat

Das Hauptreferat der Konferenz hielt Dr. Elaine Champagne, Professorin an der Theologischen Fakultät der Universität von Laval, zum Thema „Spiritualität von Kindern“ (sie wird übrigens auch ein Referat auf der nächsten Europäischen Godly Play-Konferenz halten, die vom 17.-21. September
2020 in Mechelen/Belgien stattfindet - die Anmeldung beginnt im Herbst 2019). Drei Thesen möchte ich aus ihrem Vortrag festhalten, weil ich sie für anregend für den deutschen Gott im Spiel-Diskurs halte:

a) Zum ersten verzichtete Champagne auf eine allgemeine Definition von Spiritualität. Stattdessen folgte sie der These von Sandra Schneiders, dass Spiritualität in einem wechselseitigen Verhältnis stehe mit Glaubenssystemen (belief systems). Jede Spiritualität sei historisch konkret und brauche notwendigerweise bestimmte Ausdrucksformen, die man miteinander teilen und besprechen könne. Champagne bot „Religion“ als „Form“ an, in der sich Spiritualität äußern könne. Als nächstes setzte 2019 07 nordamerikanische GP Konferenz 5sie „Religion“ mit „Glauben“ in eins, und band diesen Glauben wiederum an die „Ausdrucksformen der Kirche“. Champagne zitierte Schneiders: Spirituality is the „self-trancending faith in which union with God in Jesus Christ through the Spirit expresses itself in service of the neighbour and participation in the realization of the reign of God in the world, … rooted in and informed by the Word of God.“ („Spiritualität als Glauben: Ein selbst-transzendierender Glaube, in welchem sich die Einheit mit Gott in Jesus Christus durch den Heiligen Geist im Dienst am Nächsten und in der Verwirklichung der Königsherrschaft Gottes in der Welt ausdrückt, eingewurzelt und informiert durch das Wort Gottes.“) Eine stärker theologisch-traditionell geprägte Definition von Spiritualität scheint kaum denkbar. Für die Religionspädagogik höre ich hier einen Auftrag heraus, von dem ich mich frage, wie er zum Verständnis der Spiritualität von Kindern passt, das bei Godly Play leitend ist und z.B. von Rebecca Nye herausgearbeitet wurde („relational consciousness“ – Beziehungsbewusstsein). Die zweite These deutet an, worin nach Champagne die konstruktive Rolle des Subjektes/Kindes besteht:

b) Angesichts der postmodernen Zersplitterung des Alltags diagnostizierte Elaine Champagne eine neue Suche nach „Kohärenz“ im Leben („life-coherence“). Unter Bezug auf einige Religionssoziologen sagt sie, solche Kohärenz entstehe aus inneren Werten. Kinder schafften sich diese wertebasierte Kohärenz mit allem, was sie tun – mit Spiel und Geschichten, mit Verhalten und Beziehungen, mit TV Serien und selbst mit dem, was sie in Schul-Materialien finden. Das Wichtige an der Entstehung von Kohärenz sei nicht das Einzelteil, sondern der Prozess, in dem das Erleben von Zersplitterung überwunden werde. Religion und Glaubens-Systeme seien nun geeignet, eine „flüssige Kohärenz“ („fluid coherence“) herzustellen, die inneren Werte zu formen und so der Spiritualität einen Zusammenhalt zu geben – wie bereits gesagt, immer gebunden an bestimmte geschichtlich und kulturell greifbare konkrete „Formen“. Der Zusammenhang zwischen Spiritualität und Glaubenssystemen sei gleichsam die „Arena“, in der das Individuum Kohärenz herstellen könne. Und hier könne nun Godly Play einen herausragenden Beitrag leisten, und zwar durch die Geschichten.
„Stories“ und ihre Verarbeitung seien eine einzigartige Gestalt für Kinder, eine Kommunikation herzustellen zwischen ihrer Spiritualität und den ansichtigen Glaubens-Systemen.

c) Champagnes dritte These gibt ihrem Gedankengang dann noch einmal eine neue Wendung. Sie meint nämlich einerseits, dass die Kirche in einer pluralistischen säkularen Umgebung zunehmend an Einfluss verliere (eine Beobachtung, der niemand widersprechen wird). Doch daraus folgt für Champagne nicht, dass mit der Säkularisierung die Potenz der Kirche als solcher, mit ihren Ausdrucksformen von Religion (wie etwa biblischen Geschichten) die Kohärenz-Arbeit zu unterstützen, nachlasse. Es sei vielmehr „die Art und Weise, wie wir Kirche denken, leben und organisieren“, die an Einfluss verliere – und genau darin sieht sie einen Reformauftrag, zu dessen Erfüllung Godly Play beitragen könne. Sie sieht also Godly Play als eine Chance, dem Zutrauen von Kindern in die kohärenzunterstützende Leistungsfähigkeit von Kirche neue Lebendigkeit zu verleihen.

Workshop „Stories of God at Home“

2019 07 nordamerikanische GP Konferenz 6Dies ist der Titel eines neuen Büchleins von Jerome Berryman (2018). Es ist bestimmt für die Hand von Eltern und soll ihnen helfen, anhand von sechs (abgekürzten) Godly Play-Geschichten ihre eigenen Familiengeschichten wachzurufen und mithilfe und im Sinne von biblischen Geschichten zu deuten (z.B. die Schöpfungsgeschichte mit veränderten Ergründungsfragen wie „Wann ist unsere Familie eigentlich entstanden?“, ggf. mit Familienfotos). Berryman nennt das 2019 07 nordamerikanische GP Konferenz 7„Storying with God“ (d.h. Geschichten mit Gott erleben, anstelle von „Storytelling about God“). Godly Play Resources liefern dazu Geschichtenmaterialien im Mini-Format. Das Ziel besteht darin, religiöse Familienbildung zu unterstützen, indem die sechs Materialien-Schachteln dann wie Familien-Spielekartons im Regal stehen, um jederzeit herausgeholt und angewendet werden zu können. Das Konzept scheint bei Kirchen und Gemeinden einigen Anklang zu finden – ein gewisses kommerzielles Interesse seitens der Foundation scheint da auch werbewirksam geworden zu sein. Allerdings scheint es Berryman dann doch nicht so gut gelungen zu sein, ein für Eltern fachlich angemessenes Textniveau zu finden, sodass Rev. Dr. Cheryl Minor, die Direktorin des Forschungszweiges der Godly Play Foundation, im Workshop verschiedene fortbildungsähnliche Strategien und Arbeitsblätter/Kopiervorlagen und Videoclips der website www.storiesofgodathome.com erläuterte, mit denen Erzähler*innen die Eltern ihrer Gemeinden befähigen sollen, mit diesem Modell auch praktisch arbeiten zu können. Ich hatte den Eindruck, dass hier ein wichtiger guter Grundgedanke nicht genau genug in ein praktikables Konzept überführt wurde.

Workshop und Storytelling „Tora-Play“

2019 07 nordamerikanische GP Konferenz 8Rabbi Dr. Michael Shire aus Boston verfolgt Godly Play seit 20 Jahren interessiert. Er kritisiert an der gängigen jüdischen Religionspädagogik, dass sie sich zu stark auf das äußerliche Lernen geschichtlicher Stoffe und Vorschriften des Judentums konzentriert habe. Demgegenüber sieht er den Wert von „Godly Play“ darin, die Religion „von innen her“ aufzuschließen. Seit einigen Jahren hat er eine Gruppe von Rabbinern und anderen Fachleuten zusammengestellt, um Godly Play inhaltlich-selektiv und v.a. von seiner didaktischen und methodischen Seite her aufzugreifen. Dazu hat er (im Gespräch mit Jerome Berryman, Rebecca Nye und Peter Privett) die Glaubensgeschichten aus Bd.2 und 6 der Godly Play-Buchreihe aufgegriffen, adaptiert und ergänzt. Z.B. wird bei ihm die Schöpfungs-Unterlage von beiden Seiten her aufgerollt und am Ende liegen zwei Stöcke, um eine Tora-Rolle anzudeuten. Ein weiteres Beispiel soll die inhaltliche Auseinandersetzung andeuten:Im Judentum ist das Heilige Land nicht nur „Aktionsraum“ von Geschichten, sondern das Land spielt selbst eine Schlüsselrolle. Das wird in der 2019 07 nordamerikanische GP Konferenz 9Rut-Darbietung auch erzählerisch verdeutlich (und dabei nebenbei die geografische Lage von Moab gegenüber Berryman korrigiert; das gilt für die Wüsten-Einleitungen – Shire kritisiert an Godly Play, dass die judäische Wüste keine Sahara sei…). In einigen reformjüdischen Gemeinden an der amerikanischen Ostküste wird Tora-Play praktiziert - auf dem Fokusregal steht dann eine Arche mit einer Tora-Rolle, ein Kiddusch-Becher und zwei Sabbat-Kerzen. Tora Play passe gut zur Struktur des Sabbatmorgen in der Synagoge – vom „nach vorn bringen der Tora“ bis hin zu einem abschließenden Gemeinschaftserleben. Im Workshop „Weiterentwicklungen von Godly Play“ zeigte Shire den ersten rein jüdischen Ergänzungsband – er enthält Darbietungen zu den jüdischen Festtagen. Ein weiteres Buch ist in Vorbereitung, mit Darbietungen zur Ethik des jüdischen Glaubens. Außerdem zeigte Shire in einer Storytelling-Einheit während der Konferenz die Darbietung „Sich auf den Sabbat vorbereiten“ und führte mit den hochinteressierten Zuhörern ein kurzes Ergründungsgespräch anhand der klassischen vier Ergründungsfragen von Godly Play-Glaubensgeschichten. Mich hat u.a. berührt, dass auch ein jüdisch-liturgischer Gesang Teil der Darbietung war.

(In demselben Workshop wurden übrigens auch Varianten der Heilsarmee, der Quäker und das deutsche Gott im Spiel vorgestellt.)

Weitere Treffen

Während der Konferenz fand auch ein Arbeitsgespräch zu Fragen der weltweiten Materialherstellung statt. Nach der Konferenz tagte noch der Godly Play International Circle (GPIC) – ein etwas zufällig zusammengesetztes Gremium von ca. 20 Vertretern von Godly Play-Assoziationen aus elf verschiedenen Ländern. Immerhin wird Godly Play inzwischen in 56 Ländern praktiziert (wenngleich in unterschiedlichen Graden der Institutionalisierung). Die Bücher werden in 8 Sprachen verlegt, weitere 12 Sprachen verbreiten Übersetzungen auf informellen Wegen. Diese Ausbreitung macht verständlich, warum es ein Gremium wie das GPIC braucht, das Schritt für Schritt ein Papier „Covenant of Agreement“ zur gemeinsamen Verständigung über die Merkmale von Godly Play sowie minimale und beste Standards seiner Praxis entwickelt.

2019 07 nordamerikanische GP Konferenz 10„Have a good one!“ ist ein in Neufundland gern gebrauchter Abschiedsgruß: „Schönen Tag noch!“, könnten wir sagen. Das möchte ich gern an alle Leser*innen dieses Berichtes zurufen: „Have a good one – with Godly Play/Gott im Spiel!“

Martin Steinhäuser, 25.6.2019

 

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