Re-Vision von Schöpfungstafeln und Gleichnis-Figuren

Bericht aus der Fachgruppe „Ästhetik und Material“ (Oktober 2014)

Ausgehend von vielen kritischen Rückmeldungen zur 6. Tafel des Schöpfung-Materials und zu einzelnen Gleichnis-Figuren beschloss der Vorstand des Godly Play deutsch e.V. 2013, eine ständige Fachgruppe „Ästhetik und Material“ zu installieren und beauftragte das Vorstandsmitglied Hans-Jürgen Hinnecke mit deren Moderation.

Der Vorstand nahm damit eine Tätigkeits-Linie wieder auf, die schon 2006 zu einem Ästhetik-Workshop und in dessen Folge zur Neukonzipierung der Bildmaterialien zu den „Gesichtern Christi“, „Die Entdeckungen des Paulus“ sowie „Der Kreis des Gottesdienstes“ geführt hatten. Schon damals waren Prof. Dr. Christina Kalloch, Evamaria Simon und Martin Steinhäuser mit dabei gewesen.

Begegnung und Berührung:

01-LindenwerkstaettenAm 16. und 17. Oktober 2014 trafen sich diese drei, zusammen mit Petra Schneider und Doreen Reißmann unter der Moderation von Hans Jürgen Hinnecke in den Lindenwerkstätten Panitzsch und anschließend im Institut für Seelsorge, Beratung und Gemeindepraxis Leipzig. Das Ziel dieses Workshops war, ausgehend von konkreten Kritikpunkten die Schöpfungstafeln und die Gleichnis-Figuren insgesamt neu in den Blick zu nehmen und nach ästhetisch-bildnerischen Richtlinien für eine Neugestaltung zu fragen.

 05-LindenwerkstaettenNach einer Geschichte für uns und die Mitarbeiter/innen, von Evamaria erzählt, gab es einen Rundgang durch das Gelände, die Werkstätten und den Produktionsbereichen der GP-Materialien. Es ergaben sich spontane Gespräche mit den Mitarbeiter/innen, bei denen deutlich wird, wie sie über die Erstellung der Materialien mit den Geschichten verbunden sind und sich ihre eigenen Gedanken zu den Materialien machen (Qualität, Gestaltung, Handhabung…). Deutlich wird auch, wie wichtig die Schnittstelle zwischen Materialentwicklung und Produktionsbereich ist. Von daher ist es sehr gut, dass Doreen Reißmann von den Lindenwerkstätten, die demnächst an einem zertifizierten Erzählkurs teilnimmt, in der Fachgruppe mitarbeitet und Martin sich um die Qualitätssicherung der Materialerstellung kümmert. Evamaria schrieb im Nachgang:

„Ich war tief beeindruckt von der starken Verbundenheit, die die einzelnen Leute in der Werkstatt zu ihren Gegenständen ha11-Lindenwerkstaettenben, an denen sie gerade arbeiten. JedeR erzählte von der Arbeitsbedeutung, die die Sachen haben, die sich für mich nun wie eine andere Dimension an das Material knüpft: wie einer zu Hause erstmal Laubsägen mit der Hand geübt hat, bevor er an die schöne, feine Dekupiersäge ging, welche unterschiedliche Beziehung die Frau, die die Steine bemalt, zu den verschiedenfarbigen Steinen der Kirchenjahresuhr hat („die Grünen sind langweilig, weil es so viele sind“), und wie sehr glatt so ein Vogel aus dem Sämann-Gleichnis von hinten sich anfühlen muss…Und ganz besonders war für mich auch die Erfahrung, das Exil dort zu erzählen und die ganze Gruppe mit uns zusammen wundern zu sehen und zu hören. Das war alles sehr berührend.“
Wir wünschen allen Fortbildner/innen und Erzähler/innen, dass sie mal die Möglichkeit zu einer Begegnung in und mit den Lindenwerkstätten haben.

Rückschau und Anknüpfung:

Beim 1. Ästhetik-Workshop (2006) waren folgende Grundlegungen erarbeitet worden, die auch für die jetzigen Aufgaben Relevanz haben und zu Beginn überblicksartig in Erinnerung gerufen wurden:
1.    Ausgangsthese im Sinne von Godly Play: Wenn wir mit Kindern im Medium von Kunst arbeiten wollen, müssen wir zuerst zurückgehen zu den Bildern, die wir als Kinder geliebt haben, und diese Bilder wertschätzen, um danach die Sehgewohnheiten und Bildvorlieben heutiger Kinder wahrnehmen, wertschätzen und ernst nehmen zu können, woraus sich dann im Dialog mit kunsttheoretische Überlegungen etwas neues entwickeln kann.
2.    Godly Play bedienst sich drei unterschiedlicher Bildgattungen: a) Illustration (inkl. Sachzeichnungen, wie Gottesdienst-Einheit, auch positive Fotos); b) didaktische Gebrauchsmalerei (inkl. Symbolischer Stilisierungen, z.B. Paulus); c) Kunstbildern (selbständige Werke – Giotto zum „Geheimnis von Weihnachten“). Allerdings steht c) (Giotto) im Gesamt-Bildkonzept isoliert. Wenn es gelänge, die Verwendung dieser 3 Bildgattungen pädagogisch zu qualifizieren, wäre das ein Gewinn für das ganze Konzept von Godly Play (Bilder als Grundlage der Möglichkeit von Welterschließung ernstnehmen im Zusammenhang anderer Formen sinnlicher Wahrnehmung wie Spiel, Tanz, Musik etc).
3.    Päd. Verwendung von Bildern soll Kinder fördern bzgl. von a) aisthesis:  Zusammenhang von Wahrnehmen und Erkennen; b) poiesis  ästh. Gestaltung von Wirklichkeit, c) katharsis  ästh. Begriffsbildung als krit. reflektierter Umgang mit spontan-emotionalen Wahrnehmungen. Deshalb sind hohe Ansprüche an den ästhetischen Bildungsgehalt der Materialien so wichtig, gerade wenn sie im Konzept von Godly Play eine so breite Verwendung finden.
4.    Kriterien: a) Bilder sind ästhetische Ereignisse, die neue ästhetische Ereignisse (nicht nur De-Codierung, sondern Neu-Codierung) auslösen – welche neuen ästhetischen Ereignisse lösen Godly Play-Bilder aus? Besonders wichtig für „Glaubensdinge“! (z.B. Epiphanien Christi) b) jedes Bild, das eine Transzendenzerfahrung ermöglicht, ist ein religiöses Bild (Rahner). Nicht der rel. Bildgegenstand oder die Absicht des Malers entscheidet, sondern die Transzendenzerfahrung im Betrachter. c) Wie akzentuiert die Darstellung den Inhalt die Erzählfassung des Inhaltes? Wie spielt das zusammen mit verschiedenen Darstellungen desselben Inhaltes (z.B. Weihnachten), oder bei Synthesen (z.B. Trinität)? Auf welchen Inhalt legt dieses Bild eigentlich den Fokus des Kindes? d) Wie passt das Bild zu den einschlägigen Stufentheorien ästhetischer Urteilsbildung (Godly Play: Fokus auf 5-10-Jährige  - Farben, Licht, Konturen, Reduktion, Balance zwischen fotorealistischer Darstellung und Stilisierung im Interesse der symbolischen Deutung) e) Kann ich als Erzähler mich wohlfühlen mit diesem Bild (Godly Play-Prinzip der Vorrangigkeit subjektiver Authentizität)
5.    Die Reflexion eines Bildes muss von 4 Ecken her erfolgen: a) das Kind, b) der Maler, c) der Text, d) Die Gesamtidee von Godly Play

Anwendung und Diskussion 1: Schöpfungstafeln:

Nach Sichtung von Bilderbüchern und deren Bildkonzepte zur Schöpfungsgeschichte werden die bisherigen Tafeln und Entwürfe von Evamaria und Hans-Jürgen 02-Lindenwerkstaettenbegutachtet. Es wird schnell klar, dass es einer Gesamtüberarbeitung der Schöpfungstafeln bedarf. Die bisher schematische Verknappung auf das „Symbolhafte“ der Tafeln verstellt nach den bisher gemachten Erfahrungen mit den Tafeln die Zwischenräume für das Betrachten.
Kriterien für eine Neugestaltung in Anlehnung an die Entwürfe von Hans-Jürgen:
     Eine offenere Bildgestaltung, die zum Betrachten und wiederholten Eintauchen in die Geschichte einlädt.
     Eine konkretere, malerische Gestaltung  ohne Detailverliebtheit.
     Das Wesen der einzelnen Tage darstellen.
     Harte Trennlinien werden dynamisiert – die Handlung statt des Ergebnisses darstellen.
Daraus resultieren folgende Ideen für die Neugestaltung der Tafeln, die am Freitagvormittag beschlossen wurden:
1.    Schöpfungstafel
Es geht uns um die Frage, wie kommt das Licht in die Welt, nicht um die Thematisierung von Teilung. Gestaltungsidee: Licht welches sich von innen her ausbreitet. Die Ränder sind tiefschwarz. Den Lichtbereich beim Erzählen mit den Händen abdecken und nach außen hin öffnen.
2.    Schöpfungstafel
Die Überzeichnung des Firmamentes mit einem weißen Bogen ist nicht biblisch gedeckt. Der weiße Bogen wirkt wie ein Fremdkörper. Das Bild so gestalten, dass man nicht das mittelalterliche Weltbild vermitteln muss. Es geht um die Wasser oben und unten.
Gestaltungsidee: Helleres Wasser (oben) und dunkleres Wasser (unten).  Die Doppeldeutigkeit zulassen, die sich ergebende, durchaus nicht ganz gerade Trennlinie, die eine leichte Wölbung aufweist, auch als Horizont zu denken.
3.    Schöpfungstafel
Wichtig: Leserichtung berücksichtigen.
Gestaltungsidee: Links Wasser (Farbton vom Wasser der zweiten Schöpfungstafel)und rechts Land. Wasserkante niedriger als Land. Darstellung von Land ohne Grün im unteren Bereich (es „wächst“ aus dem Wasser heraus).  Im oberen Bereich Bäume, Früchte und Kräuter dezent und leicht stilisiert. Beim Erzählen eine Geste des Emporhebens von Land.  
Die Schöpfungstafel soll zum Verweilen einladen.
4.    Schöpfungstafel
Es geht um den Wechsel von Tag und Nacht – ein Zeitmaß haben.
Gestaltungsidee: Dynamisierung der Trennlinie von Tag und Nacht, um einen Übergang anzudeuten. Mond malerisch in gedämpften Farbton aus Weiß und Ocker als („zunehmenden“) Halbmond, der einen Vollmond noch erkennen lässt.  Die Sterne nicht nur als Lichtpunkte. Hintergrund ein sehr dunkles Blau. Die Sonne sollte einen Vorhof haben und sich farblich stärker vom Mond abheben durch ein warmes Gelb-Maisgelb. Hintergrund ein Himmelblau.
5.    Schöpfungstafel
Bewegung – Belebung der beiden „Lebens-Räume“ soll sichtbar werden.
Gestaltungsidee: Größere Variationen bei den Tieren. Schwalbe statt Greifvogel. Nicht zu detailliert.
Ausgestaltung der Tafel in verschiedenen Blautönen, um eine Schematisierung der Tiere zu erhalten.
6.    Schöpfungstafel
Das Beziehungsgeschehen in der Tafel darstellen/erzählen. Gestaltungsidee: Die beiden Menschen etwas größer anlegen. Sie schauen in die Schöpfung als Teil der Schöpfung hinein. Leicht zugewendete Köpfe im Halbprofil, dieDie-Tage-der-Schoepfung-06 Hände berühren sich. Farblich in verschiedenen Ockertönen anlegen. Hellgelb deutet den Übergang zum 7.Tag an. Wüstengelb: Glaubensgeschichte. Eventuell etwas Grün hineinnehmen (Ausblick zum 2.Schöpfungsbericht: Garten). Die Auswahl der Tiere mehr in die Alltagsituation der Kinder setzen. Evamaria schlug am Donnerstag vor, den Topos der Ebenbildlichkeit (Gen.1, 26), der bei Berryman fehlt, durch die malerische Gestaltung eines „Herzens“ auf der Tafel, welches die Menschen umgibt und die Liebe Gottes spiegeln soll, einzubringen. Diese Idee wurde bei der Gesamtsichtung der Ergebnisse am Freitag vormittag modifiziert, und zwar so, dass die „relationale Qualität von Ebenbildlichkeit“ textlich und gestisch aufgenommen wird und dies malerisch in der Handberührung der Menschen und Kopf-Wendung ihren Ausgangspunkt hat. Dabei kann durchaus auch die Herzform mit einem Finger auf die Tafel gezeigt werden, wenn über diese einzigartige Beziehung gesprochen wird.
7.    Schöpfungstafel
Weiß belassen!

Hans-Jürgen wird beauftragt, auf der Grundlage der hier gemachten Überlegungen/Gestaltungsideen die Schöpfungstafeln zu überarbeiten.

Anwendung und Diskussion 2: Gleichnis-Figuren:

Nach Sichtung der bisherigen Gleichnis-Figuren sowie neu eingebrachten Gestaltungentwürfen werden folgende Kriterien für die Ausgestaltung der Gleichnis-Figuren formuliert:

04-Lindenwerkstaetten•    Farben kräftig, ansprechend.
•    Dreidimensionalität der Kleidung durch Farben
•    Keine unterschiedlichen Figurenkonzepte je nach Gleichnis
•    Die Flächen können Bewegung andeuten.
•    Die Konturen belassen.(Konturen eher zeichnerisch, Flächen eher malerisch. Konturen nicht einheitlich schwarz, sondern im Farbton der Figur.)
•    Die Augen nicht comicmäßig zeichnen. Können durchaus ein Punkt sein.  
•    Da eine historisierende Ausgestaltung der Figuren nicht ablenkt, diese durchaus in Anlehnung an historische Vorlagen anlegen. Im Gegenteil: Eine begrenzte Historisierung gibt der story Konkretheit, Colorit, und hält die Kinder keineswegs ab, zu übertragen. Vom Kind her sehen!
•    Proportionen Kopf/Körper 1:5
•    Kopfbedeckungen ja, aber nicht übertrieben orientalisierend (keine Haremkluft und keine „Handtücher“). Tuch mit Kordel oder Reifen gehalten.
•    Zugunsten einer besseren Spielbarkeit lassen wir die weißen Ränder weg. Kinder greifen wohl auch eher zu Figuren, die keine weißen Ränder haben.
•    Keine „Priester mit aufgerollter Badekappe“.
•    Beim Sauerteig Tisch und Frau getrennt, Frau mit Hauskleidung & etwas Bewegtheit
•    Ausladende Hand ohne die weiße Körnerfläche beim Sämann, agrarfarben, Sä-Sack statt Schüssel, Handhaltung nicht Handschuh & nicht gespreizt
•    Senfkorn braucht eine neue Figur. – Kleinheit des Samens in der Figur sichtbar machen. Keine Ergänzungskarte mehr.

Petra Schneider wird beauftragt, auf der Grundlage der hier gemachten Überlegungen/Gestaltungsideen neue Figuren zu den Gleichnissen anzulegen.

Verabredungen zur Weiterarbeit:

•    Der Fachbeirat trifft sich einmal im Jahr in Leipzig. Beginn jeweils in den Lindenwerkstätten. Zusammenarbeit vorerst in dieser Gruppenkonstellation mit der Möglichkeit zur Erweiterung.
•    Ergebnisse werden dem Fortbildner/innen-Kollegium vorgelegt und kommuniziert.
•    Zwischen den Treffen wollen wir uns gegenseitig Ideen, Hinweise auf Fachartikel, Bücher, Bilder… zuspielen.
•    In die Bücher soll der Hinweis aufgenommen werden, dass, wer die alten Schöpfungstafeln/Figurenmaterialien möchte, diese über die Lindenwerkstätten bekommen kann. Dies betrifft vorwiegend die Schöpfungstafeln, da nach Auslaufen des alten Bestandes an Gleichnisfiguren nur noch die überarbeiteten angefertigt werden.
•    Auf dem nächsten Treffen (20./21. März 2015) werden die Zwischenergebnisse zu den Schöpfungstafeln und Gleichnisfiguren gesichtet.
•    Späteres Projekt des Fachbeirats: Revision der malerischen Gestaltung der Figuren von der „Völkergemeinschaft“

Bericht: Hans-Jürgen Hinnecke / Martin Steinhäuser

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